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title = "Revolution oder Blase"
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date = "2026-03-12"
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description = "Was ich vom KI Hype halte"
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[taxonomies]
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tags = ["ki","meinung"]
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**Was ich vom KI Hype halte und warum ich nie OpenClaw benutzen würde**
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Künstliche Intelligenz ist das Kernthema der meisten Diskurse die momentan im IT Kosmos geführt werden.
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Mir fällt auf, dass sich die meisten Talking Points unter zwei Erzählungen einordnen lassen:
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#### "Die jetzige KI ist nur Blendwerk"
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Eine relativ große Gruppe, darunter viele Akademiker, scheinen sich vor allem auf die Probleme und Schwächen
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der großen Sprachmodelle zu konzentrieren. Im Grunde ist dieser Ansatz wichtig, besonders da viele Benchmarks
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und Metriken von der Industrie erstellt werden, die ihre Produkte damit testen will. Jedoch fällt mir auf, dass
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es einigen Kritikern eher darum geht KI gesamthaft zu diskreditieren. Persönlich glaube ich, dass diese Reaktion
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bei vielen Menschen mit Angst zu tun hat. Denn anzuerkennen, dass wir der Modellierung von Intelligenz
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ein ganzes Stück näher gekommen sind, ist extrem besorgniserregend.
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Diese Sorge ist meiner Meinung nach aber leider keinesfalls irrational. In unserer Gesellschaft sind Maschinen,
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die plötzlich eine deutlich größere Zahl an Aufgaben übernehmen können, eine Bedrohung für Arbeitnehmer. Hinzu
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kommt die viel grundlegendere Frage ob eine Superintelligenz, also eine Intelligenz welche die Intelligenz des
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klügsten Menschen bei weitem übersteigt, überhaupt erstrebenswert ist. Eines der meistzitierten Bücher zu KI,
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*Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies.* von Nick Bostrom, befasst sich auf mehreren hundert Seiten nur
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mit den Fragen wie uns die Superintelligenz zugrunde richten kann und wie schwierig es sein wird sie zu kontrollieren.
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Abgesehen davon, dass ich mit sehr vielen von Nick Bostrom grundsätzliche Probleme habe (Transhumanismus, Longtermismus etc.),
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macht er in dem Buch durchaus gute Punkte. Die KI muss uns nichtmal feindlich gesinnt sein, damit ihre Existenz für den
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Menschen zur Katastrophe werden kann. Wir sind den anderen Tieren auf diesem Planeten auch nicht feindlich gesinnt,
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dennoch werden sie durch unsere Handeln massiv in Mitleidenschaft gezogen. Diese Dominanz entsteht nur durch den
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Intelligenz-Gap zwischen uns und den Tieren, von denen uns viele ja sogar physisch Überlegen sind.
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All das illustriert nur, dass die Bedenken gegenüber KI mehr als berechtigt sind. Diese ändern jedoch nichts am Fakt,
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dass auch aktuelle Sprachsysteme beeindruckende und nützliche Fähigkeiten haben, die über reines Googlen hinausgehen.
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Das heißt aber nicht, dass die Superintelligenz bereits unter uns ist.
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#### "Die Revolution ist da"
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Der andere Standpunkt zu den aktuellen Entwicklungen im Feld der KI ist deutlich optimistischer. Zu optimistisch für
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meinen Geschmack. Alles ist jetzt KI oder KI-Assisted, für jede Aufgabe gibt es einen Agent und KI-Startupgründer
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unterbieten sich mit Prognosen für das Aussterben diverser Berufszweige. LLMs sind sehr praktisch und nützlich aber
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haben immer noch sehr starke Limitierungen. Momentan kann niemand wirklich prognostizieren, ob Sprachmodelle irgendwann
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an eine gläserne Decke prallen werden. Denn aktuell passieren Verbesserungen vor allem durch Skalierung, also mehr Daten
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mehr Hardware, mehr Daten, mehr Hardware etc.
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Die Auswirkungen auf die Umwelt sind natürlich absolut Katastrophal. Abgesehen
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vom absurden Wasserverbrauch sind die riesigen Sprachmodelle extrem energieintensiv. Bei den Hyperscalern (Google, Amazon, Meta)
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die sich vor kurzem noch auf C0² Neutralität committed haben, sieht die Welt durch den KI Hype mittlerweile ganz anders aus:
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* **Google** Steigerung von 48% der Treibhausgas-Emissionen in 2018-2023
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* **Microsoft** Steigerung von 29% der Treibhausgas-Emissionen in 2020-2023
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* **Meta** Steigerung von 49% der Treibhausgas-Emissionen nur in 2022
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Meta plant den Bau eines Datacenters so groß wie Manhattan, ausschließlich im die eigene KI Infrastruktur zu verbessern.
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Auch wenn sich beim Befragen von KI Modellen einiges optimieren lässt
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(Stichwort: Speculative Decoding, Early Exciting etc.), ist aus einer ökologischen sicht sehr davon abzuraten die Anzahl der KI Anfragen insgesamt zu steigern.
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Genau das würde allerdings bei einer breiten Einbindung von Sprachmodellen in Arbeitsprozesse passieren.
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Dabei sind, und das ist mir hier noch einmal wichtig zu betonen, diese Modelle nicht im klassischen Sinne intelligent. Sie erzeugen
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einfach eine Reihe von Sprachbausteinen(tokens) und wählen jeweils den nächst wahrscheinlichen Sprachbaustein (extrem vereinfacht).
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Dabei wird auf Plausibilität optimiert, nicht auf Korrektheit, weshalb es zu den bekannten Halluzinationen kommt. Diese Fehler sind
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in der Praxis sehr gefährlich, weil sie plausibel aussehen und nur von Menschen mit Fachkenntnis im betroffenen Themengebiet enttarnt
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werden können. Woher soll der durchschnittliche Patient wissen, dass ihm der Gesundheits-Chatbot soeben eine tödliche Dosis eines
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Medikamentes verschrieben hat. KI Modelle, modellieren Wahrscheinlichkeiten, auf eine sehr komplexe, einzigartige Weise, aber dennoch
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arbeiten sie auf Basis von Stochastik. Hier besteht natürlich eine extreme Gefahr für diverse Formen von Bias. Die KI ist mit Daten aus
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unserer Gesellschaft trainiert worden und wird somit all ihre diskriminierenden Defizite übernehmen. Hinzu kommt, dass die Modelle von
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Tech Bros mit fragwürdigen bis problematischen ideologischen Hintergründen kontrolliert werden. Zu diesem Thema kann ich das Büchlein
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*Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus* von Rainer Mühlhoff empfehlen.
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### Fazit
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Die Künstliche Intelligenz in ihrer aktuell verbreitetsten Form extrem nützlich, aber noch weit von einer Superintelligenz entfernt.
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Diese Nützlichkeit kommt jedoch zu einem sehr hohen ökologischen Preis und könnte bisher ungeahnte Folgen auf die Kognition der Menschen haben,
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die ihre regelmäßig Aufgaben übertragen. Ich glaube die KI Revolution ist noch nicht gekommen, aber wir haben einen kleinen Vorgeschmack bekommen,
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wie disruptiv diese Revolution sein könnte. Die Technologie wird zugleich unter- und überschätzt und beide Lager haben ihre Gründe für ihre Standpunkte,
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aber die eigentlich zentrale Frage bleibt: wer entscheidet darüber wie diese Modelle eingesetzt werden. Ich finde es falsch, dass private Unternehmen
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mit Profitinteressen entscheiden wie diese Modelle umgesetzt und eingesetzt werden. Das abgebildete Wissen in den Modellen wurde von der gesamten Gesellschaft
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produziert, weshalb ihr meiner Meinung ein Mitspracherecht zusteht. Außerdem ist die Technologie existenziell zu relevant,
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um sie in die Obhut von ein paar Silicon Valley "Strategen" zu geben.
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